Versuch einer Risiko-Analyse

Bei der ganzen aufgeregten Diskussion um Maßnahmen zur Abwehr von Terror­anschlägen und der medialen Berichterstattung darüber vermisse ich eines: eine sachliche, öffentliche Diskussion um die Bewertung der Risiken, die tat­sächlich vom (islamistischen) Terrorismus ausgehen.

Wenn überhaupt mal über dieses Thema diskutiert wird, werden gerne die folgenden drei Aspekte wüst miteinander vermischt:

1. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem bestimmten Typ von Anschlag kommt?

2. Wie groß ist das Schadenspotential eines Anschlags dieses Typs?

3. Mit welchem Aufwand, um welchen Preis und mit welcher Zuverlässigkeit lässt sich ein entsprechender Anschlag verhindern?

Der geneigte Leser mag nun fragen: “Na, und? Wozu eine separate Betrachtung dieser drei Fragen?” Ein Beispiel aus dem “normalen Leben” zeigt, warum eine solch differenzierte Betrachtung sehr hilfreich ist.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Motor eines Autos ausfällt, ist beinahe genauso groß wie die, dass der Motor eines (Sport-)Flugzeugs ausfällt. Das Schadens­potential beim Flugzeug ist jedoch ungleich größer als beim Auto - während man im Schadensfall mit letzterem einfach rechts ran fährt und den Pannendienst ruft, zieht ein Motorausfall bei ersterem häufig einen Absturz mit fatalen Folgen nach sich. Der Aufwand, den Piloten vor jedem Start treiben, um ihre Maschine zu inspizieren und zu prüfen, rechtfertigt sich also allein aus dem Schadens­potential, nicht aber aus der Wahrscheinlichkeit des Eintritts. Beim Auto hingegen wäre eine aufwändige Inspektion vor jedem Losfahren unnötig - weil das Schadenspotential einfach sehr viel begrenzter ist.

Übertragen auf die Bewertung terroristischer Risiken lassen sich daraus meines Erachtens folgende Schlüsse ziehen:

Anschläge mit enormen Schadenspotential müssen auch bei geringer Eintritts­wahrscheinlichkeit im Fokus der Betrachtungen stehen. So mag es extrem unwahrscheinlich sein, dass Terroristen in den Besitz atomarer oder auch nur biologischer Waffen gelangen - gleichzeitig ist das Schadenspotential bei einem solchen Anschlag so groß, dass weitestgehende Bemühungen gerechtfertigt sind, den Zugang zu derartigen Waffen ganz gezielt zu verhindern. Die Frage, ob es dafür praktikabler und zielführender ist, Hunderte oder Tausende potentieller (!) Terroristen (und damit auch eine große Zahl Unschuldiger) mehr oder minder lückenhaft zu überwachen und dabei wesentliche Freiheitsrechte zu opfern oder statt dessen die Verbreitung des Materials zu kontrollieren, kann sich jeder leicht selbst beantworten.

Ist das Schadenspotential eines Anschlags hingegen vergleichsweise gering, gestaltet sich die Durchführung aus Sicht der Terroristen in aller Regel auch vergleichs­weise einfach - die Schadens­wahrscheinlichkeit ist also vergleichs­weise hoch. Zu diesem Typus von Risiken gehört der Einsatz selbstgebastelter Bomben aus Gasflaschen und einfachen Teilen aus dem Baumarkt. Diese Art von Anschlägen zu verhindern, ist praktisch unmöglich. Wer dennoch den Versuch unternimmt, wird dabei massiv in die Grundrechte aller Bürger eingreifen müssen: Wenn die Bombenteile im Baumarkt erhältlich und der Einsatz auf jedem deutschen Bahnhof möglich ist, ist eine effektive Gefahrenabwehr nur in einem totalitären Staat realisierbar.

Mit gewissen Risiken muss unsere Gesellschaft leben können. Sie tut es in anderen Bereichen (Stichwort: 5.000 Tote per anno im Straßen­verkehr), sie wird es auch in Bezug auf terroristische Risiken lernen (müssen).

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